Ueber die Frauen und ihre Stellung im Hause und in der Oeffentlichkeit

Worte von Julius Motteler,

gesprochen am Stiftungsfeste des Arbeiter-Fortbildungs-Vereines zu Glauchau am 28. Februar 1869.

Meine werten Zuhörer ! Nicht, weil man mich für entschieden am fähigsten dazu gehalten hat, das vorliegende, eben so weit als tief gehende Thema am folgereichsten zu behandeln, sondern weil der Verein, dessen segensreiches Streben Ihnen Allen ja zur Genüge bekannt ist, es für seine Pflicht hielt, diese wichtigste der offenen Zeitfragen mit zur Sprache zu bringen - und hierzu eine erfahrenere Kraft nicht zur Verfügung hatte,- ist mir die ehrende Arbeit zugeteilt worden, die mich, trotz ihrer Schwierigkeit, bei der Wichtigkeit des Gegenstandes mit freudigem Herzen hierher geführt hat. Ich muß Sie also zuvor bitten, mir bei meinen Ausführungen die Nachsicht Ihrer Geduld so weit zu schenken, als es die verschiedenen historischen Daten, an die wir uns halten müssen, um auf den Kern der Frage zu gelangen, erheischen, und dann wollen Sie in mir, wie bereits gesagt, nicht den gelehrten Fachmann (den Mann der Wissenschaft), sondern lediglich den Laien hören, dessen Lebensanschauung es ihm zur Pflicht macht, wenn und so lange vollendete Kräfte mangeln, zum Sprechen die seinen einzusetzen. - Und käme meine Kraft dem Kindeslallen gleich, froh will ich es wagen, wenn mir auch nur der Glaube bliebe, damit angeregt zu haben. Meine werten Anwesenden ! Jene Zeit, in der die erschütternde Losung der Emanzipation des weiblichen Geschlechtes zum ersten Male vor dem überraschten Ohre aller gebildeten Völker so gewaltig erscholl, daß man sie mit Recht die Geburtszeit dieser Idee nennen darf, - jene Zeit war die französische Revulution der 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Ein edles, leidenschaftliches, aber schwer geknechtetes Volk zerbrach in unbändigem Drange der Freiheit zuerst jene starren Formen der kastenartigen Absonderung im Staats- wie Erwerbsleben, die die Wurzel seiner Knechtschaft waren. Ein wichtiger, an Zahl sehr bedeutender Teil der damaligen Gesellschaft, die Frauen Frankreichs (Paris voran) forderten mit Ungestüm "d i e E m a n z i p a t i o n i h r e s G e s c h l e c h t s" als M e n s c h e n r e c h t ! Es war eine Zeit voll Gärung und Leidenschaft, eine Zeit des Entstehens, weshalb es nicht als ein Wunder zu betrachten ist, daß in ihr die nach Freiheit und Recht durstige Frauenwelt, bislang ferngehalten von jeder öffentliche Regung, den unfertigen Griff tat, und in der ausschließlichen politischen Freiheit die wirtschaftliche Freiheit zu erringen hoffte ?!

Die Idee mußte, wie uns die Geschichte berichtet, an der Unklarheit ihrer Trägerinnen zu Grunde gehen. Suchen wir also diese Lehre zu nützen und sagen wir: die wirtschaftliche Freiheit des Individuums (der einzelnen Person) b e d i n g t und ist d e s s e n politische Freiheit, beide sind untrennbar, wenn sie lebensfähig bleiben sollen.

Unsere gegenwärtigen gesellschaftlichen Verhältnisse, gebrandmarkt durch die bitterste körperliche, wie geistige, Massenarmut, bringen uns auf den hohen Wogen des Alltagslebens den Ruf nach "E m a n z i p a t i o n des F r a ue n g e s c h l e c h t e s" mahnender denn je an's Gewissen. Ueberhören wir diese Stimme der Cultur, so werden wir das Schicksal jener großen Völker teilen, welche vor Jahrtausenden unsere Vorgänger gewesen sind. Und Sie ganz besonders, meine werten Zuhörerinnen, ob jung oder alt, frei oder gebunden, Sie sind dazu berufen, Hand an's Werk zu legen, um es den Männern möglich zu machen, den schweren Kampf, den uns Allen der Zeitgeist auferlegt, siegreich auszufechten. Mit Recht höre ich Sie fragen, w e l c h e "E m a n z i p a t i o n" sie denn, und wie Sie diese erstreben sollen ? denn es ist ja bitterwahr, daß dieses Wort so manche traurige Deutung schon erfahren hat. Nun denn, wir rufen Sie an, sich zu befreien, nicht von der beglückenden Ordnung der Tugend, nicht von dem Frieden der häuslichen Arbeit, von der Familie, wo Ihnen einzige Freuden beschieden sind - nimmermehr ! Aber Ihre "Emanzipation", Ihre Befreiung fordern wir, vom Druck und den Fesseln des gesellschaftlichen Aberwitzes, der Sie zum großen Theil erwerbslos gemacht, ferngehalten hat von der Berufs-Arbeit, mundtot gemacht in der Wissenschaft, wie im Leben ! im Hause wie in der Oeffentlichkeit ! Oder ist etwa zu widerlegen, daß unser heutiges Frauengeschlecht, so, wie es leider das andere Geschlecht will, geschaffen scheint, um entweder in e r t r a g s l o s e r A r b e i t langsam zu verhungern, oder zwischen seinen 4 Wänden, als dienstbarer Geist des stärkeren Geschlechtes, der Männer, allmählich zu versumpfen, zu verfilzen im ewigen Strickstrumpf, eingezwängt zu bleiben im verschlungenen Häkelzug ! "Das Weib hat keinen anderen Beruf, als Mutter und Gattin zu sein und die Sittlichkeit zu erhalten", sagen die fanatisch blinden Widersacher meiner Meinung, und soweit sie dem männlichen Geschlechte angehören, können sie sich kein schlechteres Zeugnis der sittlichen Verkommenheit ausstellen, als dieses, indem sie sagen, daß unser Geschlecht (das männliche) der Sittlichkeit Träger nicht sein könne. Ich meinesteils, und im Namen meiner Glaubensgenossen, verwahre mich gegen die geistige Verzichtleistung auf jene Ehrenpflicht j e d e s Menschen und sage ferner, daß wir das Weib in seinem Beruf als Mutter, als Erzieherin eines f r e i e n Geschlechtes, s e l b s t erst f r ei und e b e n b ü r d i g dem m ä n n l i c h e n wissen wollen. Seine körperlichen und geistigen Eigentümlichkeiten werden es vor den Abwegen bewahren, die man uns als Schreckmittel gegen unsere Bestrebungen vorzuhalten sucht. Wir fordern für die Frauen eine in v e r n u n f t b e g r ü n d e t e r O r d n u n g wurzelnde Freiheit des Erwerbes und die volle Entfaltung ihrer natürlichen Fähigkeiten für's Haus, wie f ü r die O e f f e n t l i c h k e i t. Keine H a u s s c l a v e n für T i s c h und H e r d, keine Enterbten an Rechten und Pflichten nach Außen! Und wenn dann ein größerer Theil meiner Geschlechtsgenossen all das Weh, was bis heute über die Frauen gebracht ist, nicht fassen kann, so mögen sie doch in Betracht bringen, welche Schätze von Reichtum in der brachliegenden Frauen-Arbeit, in den v e r k ü m m e r n d e n weiblichen G e n i e s zu Grunde gehen! Und wer möchte dann ferner noch leugnen, daß die harte Not, die zumeist auf den arbeitenden Klassen lastet, auch zum großen Teile darin ihren Ursprung hat, daß die größere Hälfte der Gesellschaft e x k o m m u n i z i e r t (ausgeschlossen) ist vom freien Erwerb; die Erträgnisse der anderen Hälfte (der männlichen) aber jene Lücken decken müssen, die unsere Volkswirtschaft als leibliche und seelische Blößen aufweist. Berechnen Sie sich jene Millionen, aus denen Wohlstand, Sicherheit und Zufriedenheit sprossen könnte, und suchen sie, meine Herren, durch Förderung der Frauenfrage die schweren Sünden unserer geschlechtlichen Ueberhebung gut zu machen. - Jene grillige, lästersüchtige Altejungfrauschaft, jene unglücklichen Ehen, jene traurige Preisgebung des eigenen Leibes um des Brotes willen, d i e s e S c h m a c h unserer Z e i t und C u l t u r, Sie können sie beseitigen, wenn Sie der Entwicklung der natürlichen Gaben des Weibes ihr v o l l e s R e c h t geben. Die Frauen fordern das Vorrecht von Ihnen zurück, das sich die Männer angemaßt !

Denn wo in der Natur finden Sie Beweise für das Recht zu jener bornierten Exkommunikation (Ausschließung) der Frauen vom Gemeinde- und Staatsleben, die denn doch unser ganzes Gesellschaftsleben heißen ? Wer, frage ich, will beweisen, daß das Weib m i n d e r begabt, m i n d e r lebensstark geboren sei ? Es ist bei uns Deutschen der altererbte Zunftdünkel vergangener Jahrhunderte noch ebenso seßhaft, wie bei all den Völkern, die ihre Frauen knechten, und doch lehrt uns die Geschichte so schön, daß unsere Väter, die alten Germanen, vor vielen anderen Völkern, die Frauen gar hoch verehrt haben. Freilich war es die eigentümliche Gestaltung des Cultur- und Geschäftslebens, welche die "B r o t p f r ü n d e der M ä n n e r", die "Z u n f t" gebar, welche das Weib, die eigentliche Lehrmeisterin des Mannes, zum Stümper herabdrückte, ihr das Spinnen und Weben, das Schneidern und Kneten, die eigentliche, ausschließliche, wirtschaftliche Tätigkeit aus der Hand nahm, um sie zum "Gesellschaftsgegenstand", zum "Gelegenheits-Arbeiter" niederzudrücken. Nur die rohen Völker des asiatischen Nordens, Amerikas und Afrikas haben ihre Weiber zu Sklavinnen und Lasttieren entwürdigt; bei Griechen und Römern schon war die Stellung der Frauen bedeutsamer und würdiger. Sie walteten im Haus, pflegten die Künste, lehrten die Jugend, aber mit dem Niedergang der Tugend und Zucht sank das Weib und mit ihr das Familien-, das Gemeinde-, und Staatsleben ! Wollust, Putz- und Vergnügungssucht waren dort die Früchte der der unwürdigen Bevormundung des Weibes, der Ausschließung von Allem, was nicht das Haus betraf; besonders bei Untergang des römischen Weltreiches spielten weibliche Intrigue und Herrschsucht eine traurige Rolle. Das anbrechende Christentum mit einfacher und edler Moral, mit seiner Lehre von der wahren Liebe, Gleichheit und Brüderlichkeit, sollte es anders gestalten, und wie weit sind wir heute ? Wohl hat die große Revolution der Franzosen dem Zünfte-Unwesen und seinem Hungergeleite die Türe verriegelt, aber heute noch müssen wir rufen: "Brot für die Frauen ! Gerechtigkeit für die vom Gewerbe Ausgeschlossenen."

Das weibliche Lebensideal, das uns als ein Urbild der Schönheit und des Glückes aus der Zeit des Minnegesangs überliefert wird, es muß erbleichen vor den Frauen jener Germanen, die 102 v. Christo bei Aix die Kampfgenossen der um die Freiheit blutenden Männer waren, die sie ermunterten, die Fliehenden zurück zum Kampfe trieben, die sie begeisterten durch Deuten glücklicher Vorzeichen.

Möchte es mir ein glückliches Vorzeichen sein, Sie, meine werten Zuhörerinnen, größtenteils so gespannt und sinnend vor mir zu sehen. Wir brauchen Kampfgenossen, wenn auch nicht, wie unsere Ahnen, zu blutiger Schlacht. Ein Kampf aber ist es d'rum, nicht minder hart und ernst; ein Kampf gegen Anmaßung und Vorrecht, ein Kampf der Enterbten gegen die Erbschleicher. Treten Sie mit ein in die Reihen Derer, die für Sie kämpfen wollen; bilden Sie Vereine, in denen Ihnen, wie unser Altmeister Roßmäßler sagte, "die Heimat, die Natur, das Leben" aufgeschlossen und gelehrt wird ! Und dann wird die Zeit herankommen, wo unsere weiblichen Goldschmiede und Papparbeiter, Instrumentenmacher und Kaufleute, Aerzte und Gelehrten nicht mehr angewiesen sein werden a u f eine V e r s o r g u n g in der E h e, zum Schutz gegen Verlassenheit, Alter und Krankheit; Sie werden sich frei nach Herz und Neigung das Leben schaffen. Gleichberechtigt werden sie Teilhaber an den heiligen Pflichten und Lasten von Familie, Gemeinde und Staat. Es wird dann kein Verbrechen, kein Aergernis mehr sein, ein Demokrat oder gar ein Radikaler zu heißen, wenn S i e D e m o k r a t i n n e n werden, wenn Sie Demokraten erziehen an den Kindern derer, welche die Frauen heute voll Ueberhebung und Blindheit mißachten und knechten wollen. Die Verteidiger und Hüter der Frauenrechte müssen Sie sich erziehen in Ihren Söhnen und Lieben, meine Zuhörerinnen, dann brauchen wir nicht zu bangen vor dem Anprall des feindlichen Hohnes und Widerstandes. Und wie Sie heute zur Kirche gehen, so werden Sie künftig eine Stätte schaffen müssen, wo Ihnen die Schätze der Natur und der Wissenschaft, die Tempelhallen der freien Arbeit grüßend offen stehen !

Säumen Sie nicht länger, die kleine Schar Derer zu vervollständigen, welche g l e i c h e Rechte fordern für Alles, was Menschengesicht trägt. Befreien Sie sich durch Tugend und Selbstbeherrschung von dem Druck verzagten Vorurteils, streben Sie in diesem Sinne auch nach Ihrer wirtschaftlichen Freiheit, dann, denke ich, haben Sie einen Zustand schaffen helfen, der eine glückliche, weil g e a c h t e t e und b e r e c h t i g t e Stellung der Frau im Haus wie in der Oeffentlichkeit verbürgen wird. -

Dies ist die von uns gemeinte Emanzipation: das Glück und die Zufriedenheit Aller d u r c h Alle !


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